Digitale Souveränität in Europa: Anspruch, Realitäten, industriepolitische Fehlanreize
Digitale Souveränität ist eines der meistdiskutierten Schlagworte der europäischen Digitalpolitik. Kaum ein Gipfel, kaum ein Strategiepapier, kaum eine politische Rede kommt ohne diesen Begriff aus. Gleichzeitig ist die praktische Umsetzung ernüchternd. Europa redet viel über digitale Souveränität, aber handelt zu wenig. Das darf nicht länger so bleiben.
January 21, 2026

Ein Beitrag von Ismet Koyun, Gründer und CEO von KOBIL
Digitale Souveränität ist eines der meistdiskutierten Schlagworte der europäischen Digitalpolitik. Kaum ein Gipfel, kaum ein Strategiepapier, kaum eine politische Rede kommt ohne diesen Begriff aus. Gleichzeitig ist die praktische Umsetzung ernüchternd. Europa redet viel über digitale Souveränität, aber handelt zu wenig. Das darf nicht länger so bleiben.
Ich entwickle seit mehr als vierzig Jahren Sicherheits- und Identitätslösungen mit dem Anspruch „Made in Europe“. Ich habe erlebt, wie digitale Macht entsteht, wie Abhängigkeiten wachsen und wie schwer sie später wieder aufzulösen sind. Und ich erlebe heute, dass Europa Gefahr läuft, digitale Sicherheit und digitale Souveränität primär zu verwalten, statt sie technologisch und unternehmerisch zu gestalten. Genau deshalb entwickle ich mit KOBIL weiterhin konsequent europäische Sicherheitsprodukte für kritische digitale Infrastrukturen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus industriepolitischer Notwendigkeit.
Dieser Beitrag ordnet ein, warum Europa beim Thema digitale Souveränität an strukturellen Fehlanreizen leidet, warum viele Unternehmen zögern und warum es jetzt entscheidend ist, dass europäische Unternehmen ihren eigenen digitalen Weg gehen.
Was digitale Souveränität wirklich bedeutet
Digitale Souveränität wird in Europa häufig als die Fähigkeit verstanden, im digitalen Raum unabhängig entscheiden, investieren und innovieren zu können, ohne sich von globalen Märkten abzuschotten. Es geht um Offenheit bei gleichzeitiger Handlungsfähigkeit. Europa will technologische Abhängigkeiten reduzieren, ohne Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und internationale Zusammenarbeit zu verlieren.
Dieser Anspruch ist richtig. Digitale Souveränität bedeutet jedoch nicht Autarkie. Sie bedeutet nicht, dass Europa jede Technologie selbst bauen muss. Aus Industriesicht beschreibt digitale Souveränität vor allem vier Fähigkeiten.
Erstens bedeutet sie Wahlfreiheit und Verhandlungsmacht. Unternehmen und Staaten müssen zwischen Anbietern wechseln können, mehrere Lieferanten nutzen und technologische Lock-in-Abhängigkeiten vermeiden.
Zweitens bedeutet sie kontrollierte Risikoexponierung. Digitale Systeme müssen widerstandsfähig gegenüber geopolitischen Spannungen, rechtlichen Zugriffen, Lieferkettenrisiken und sicherheitspolitischen Eskalationen sein.
Drittens bedeutet sie Wertschöpfungstiefe an strategischen Stellen. Europa muss dort technologische Kontrolle haben, wo Sicherheit, Identität, Datenhoheit, kritische Infrastrukturen und Systemvertrauen entstehen.
Viertens bedeutet sie skalierbare Wettbewerbsfähigkeit. Digitale Souveränität ist nur dann nachhaltig, wenn europäische Produkte global bestehen können. Ohne internationale Skalierung bleibt Souveränität eine subventionierte Nische.
Regulierung als Rahmen für technologische Souveränität
Digitale Souveränität wird in Europa zunehmend auch regulatorisch adressiert. Mit der NIS-2-Richtlinie, dem Cyber Resilience Act, der Weiterentwicklung von eIDAS zur europäischen digitalen Identitätsbrieftasche (EUDI-Wallet) sowie bestehenden Vorgaben wie der Datenschutz-Grundverordnung und sektoralen Regelwerken wie DORA für den Finanzsektor schafft die EU einen verbindlichen Rahmen für Sicherheit, Resilienz und Vertrauenswürdigkeit digitaler Systeme. Diese Regularien setzen wichtige Mindeststandards für Risikomanagement, Produktsicherheit, Identitätsprüfung, Meldepflichten und Nachvollziehbarkeit. Sie ersetzen jedoch keine eigene technologische Leistungsfähigkeit. Regulierung kann Leitplanken setzen, aber keine wettbewerbsfähigen Sicherheitsarchitekturen hervorbringen. Entscheidend ist daher, dass europäische Anbieter Sicherheit und Regelkonformität als integralen Bestandteil ihrer Produktarchitektur verstehen.
Alle KOBIL Produkte erfüllen die geltenden europäischen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen sowie regulatorische Vorgaben wie DSGVO, NIS-2, eIDAS 2.0.
Regelkonformität entsteht dabei nicht durch Dokumentation allein, sondern durch überprüfbare Sicherheitsmechanismen, klare Kontrollmodelle und nachvollziehbare Systemarchitekturen. Erst wenn Regulierung und technologische Umsetzung zusammenwirken, wird digitale Souveränität praktisch handlungsfähig.
Warum Unternehmen beim Thema digitale Souveränität rational zögern
Viele europäische Unternehmen zögern beim Thema digitale Souveränität nicht aus fehlendem Mut, sondern aus betriebswirtschaftlicher Vernunft. In der aktuellen Marktstruktur ist Zurückhaltung häufig die rationalste Entscheidung.
Der zentrale Grund ist der fehlende kurzfristige Business Case. Investitionen in digitale Sicherheit und digitale Souveränität lassen sich selten schnell monetarisieren. Sicherheits- und Souveränitätsfunktionen gelten in vielen Märkten als Grundvoraussetzung. Kunden erwarten sie, sind aber nur begrenzt bereit, dafür höhere Preise zu zahlen. Zahlungsbereitschaft entsteht vor allem in stark regulierten Sektoren wie kritischen Infrastrukturen, öffentlicher Verwaltung, Verteidigung und Finanzwirtschaft.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Fragmentierung des europäischen Marktes. Trotz Binnenmarkt existieren in der Praxis unterschiedliche nationale Beschaffungsregeln, Zertifizierungsanforderungen sowie abweichende Interpretationen von Cloud-, Sicherheits- und Datenschutzvorgaben. Europa funktioniert digital faktisch wie ein Markt aus 27 Einzelländern. Diese Struktur verhindert Skalierung und verteuert Markteintritt, Entwicklung und Vertrieb erheblich.
Hinzu kommt ein ausgeprägter Compliance-Überhang. Wenn digitale Souveränität vor allem über Audits, Berichte und Zertifikate definiert wird, wird sie unternehmensintern als Kostenstelle wahrgenommen. Sie wird nicht als Teil der Produkt- und Wachstumsstrategie verstanden, sondern als regulatorische Pflicht.
Schließlich fehlt es in Europa an ausreichendem Growth-Kapital für die späte Skalierungsphase. Europa bringt viele leistungsfähige Technologien hervor, aber nur wenige globale Plattformunternehmen. Internationale Expansion, Go-to-Market-Skalierung und der Aufbau digitaler Ökosysteme scheitern häufig an Kapital, Marktgröße und Geschwindigkeit.
Wo staatliche Logiken digitale Souveränität systematisch ausbremsen
Staatliche Logiken sind für Stabilität, Rechtssicherheit und Fairness unverzichtbar. Als dominierender Mechanismus für digitale Märkte erzeugen sie jedoch strukturelle Fehlanreize.
Ein großes Problem ist der Fokus auf Input statt auf messbare Ergebnisse. Programme, Konsortien und Kriterienkataloge ersetzen häufig klare Erfolgskennzahlen wie Marktanteile, Umsätze, internationale Referenzen und technologische Adoption.
Innovationsprozesse werden dadurch bürokratisiert. Förderprojekte produzieren formale Ergebnisse, aber selten marktfähige Produkte mit belastbarem Product-Market-Fit. In Technologiefeldern mit schnellen Lernzyklen wie Cloud, künstlicher Intelligenz und Cybersecurity wirkt diese Verlangsamung besonders innovationshemmend.
Zudem wird „europäisch“ häufig als Herkunftsmerkmal verstanden, nicht als überlegene Leistungsdimension. Dabei könnten gerade überprüfbare Sicherheit, transparente Systemarchitekturen, Compliance-by-Design und Interoperabilität echte Wettbewerbsmerkmale europäischer Anbieter sein.
Groß angelegte Digitalinitiativen leiden außerdem oft unter überladener Governance. Wenn zu viele Interessen gleichzeitig berücksichtigt werden sollen, verliert das Projekt an Klarheit und Marktfokus. Marktmacht entsteht nicht durch Gremien, sondern durch überlegene Produkte, funktionierende Distribution und langfristige Investitionsbedingungen.
Das Kernproblem digitaler Souveränität in Europa
Das zentrale Problem der digitalen Souveränität in Europa sind fehlende nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Politisch wird digitale Souveränität häufig als Unabhängigkeit beschrieben. Unternehmen investieren jedoch nur dann dauerhaft, wenn daraus ökonomische Vorteile entstehen.
Diese Vorteile müssen skalieren, sodass sich die Wirtschaftlichkeit mit zunehmender Marktgröße verbessert. Sie müssen Kundenbindung durch realen Mehrwert erzeugen und nicht durch regulatorischen Zwang. Und sie müssen international konkurrenzfähig sein, nicht nur innerhalb nationaler oder europäischer Förderstrukturen.
Wird digitale Souveränität primär über Verbote, Einschränkungen und Auflagen organisiert, entstehen keine Netzwerkeffekte. Es entstehen zusätzliche Hürden. Solche Hürden haben noch nie globale Technologieführer hervorgebracht.
Wo Europa realistisch digitale Souveränität aufbauen kann
Aus industriepolitischer Sicht ist ein strategisches Schichtenmodell entscheidend. Europa muss nicht jede digitale Anwendung selbst kontrollieren. Es muss jedoch die entscheidenden Kontrollschichten beherrschen.
Dazu zählen Sicherheits- und Vertrauensschichten wie digitale Identitäten, Kryptografie, Schlüsselmanagement, Auditierbarkeit, Zero-Trust-Architekturen und Lieferkettensicherheit.
Ebenso entscheidend sind Kontrollmechanismen für Cloud- und Compute-Infrastrukturen bei kritischen Workloads, insbesondere dort, wo Schlüsselhoheit, Richtlinienkontrolle und Datenzugriff sicherheitsrelevant sind.
Hinzu kommen interoperable Datenräume in industriellen Kernsektoren wie Automobilindustrie, Fertigung, Gesundheitswesen und öffentlicher Verwaltung.
Schließlich gehören auch Halbleiter und Hardware dazu, überall dort, wo Versorgungssicherheit und geistiges Eigentum strategisch relevant sind.
Warum europäische Unternehmen ihren eigenen Weg gehen müssen
Digitale Macht entsteht an digitalen Kontrollpunkten. Wer Cloud-, Identitäts- und Sicherheitsarchitekturen kontrolliert, definiert Standards, Margen, Innovationsgeschwindigkeit und Datenzugang. Abhängigkeit ist kein theoretisches Risiko, sondern ein dauerhafter Abfluss von Wertschöpfung, Know-how und Talent.
Geopolitische und rechtliche Unsicherheit sind kein Ausnahmefall mehr. Zugriff auf digitale Infrastruktur ist zu einer Machtfrage geworden. Eigene souveräne Fähigkeiten erweitern die Handlungsoptionen von Unternehmen und Staaten erheblich.
Digitale Sicherheit ist zudem nur dann glaubwürdig, wenn sie technisch überprüfbar und kontrollierbar ist. Marketing reicht nicht aus. Vertrauen entsteht durch nachvollziehbare Architekturen, transparente Sicherheitsmechanismen und überprüfbare Kontrolle.
KOBIL als Industrieakteur für digitale Souveränität
KOBIL verfolgt seit Jahrzehnten das Ziel, digitale Sicherheit und digitale Souveränität technologisch umzusetzen. Der Anspruch ist: Europa mit europäischen Sicherheitsprodukten abzusichern. Im Zentrum steht dabei die Entwicklung sicherheitskritischer Plattformen, die Identität, Daten und digitale Prozesse unter europäischer Kontrolle halten.
Mit der KOBIL SuperApp verfolgt KOBIL einen Plattformansatz, der digitale Identität, sichere Kommunikation, Datenhoheit und transaktionale Prozesse in einer souveränen Architektur zusammenführt. Die SuperApp ist darauf ausgelegt, als vertrauenswürdige digitale Schicht für Bürger, Unternehmen und Institutionen zu fungieren und Abhängigkeiten von außereuropäischen Plattformen zu reduzieren.
mPower bildet bei KOBIL die technologische Basis für einen souveränen digitalen Arbeitsplatz. Die Enterprise-Plattform bündelt Identität, Kommunikation, Dokumente, Genehmigungen und Applikationen in einem zentralen Hub und ermöglicht einen einheitlichen, hochsicheren Zugriff für Mitarbeiter, Partner und Dienstleister. Sicherheit und Compliance sind dabei von Beginn in die Architektur integriert, nicht nachgelagert. Dadurch schafft mPower Kontrolle, Transparenz und Auditierbarkeit über den gesamten digitalen Lebenszyklus und unterscheidet sich grundlegend von fragmentierten Einzellösungen.
AppShield adressiert bei KOBIL die Sicherheit mobiler Anwendungen als integralen Bestandteil digitaler Souveränität. Die Security-as-a-Service-Lösung schützt bestehende mobile Apps ohne Code-Änderungen und ohne Integrationsaufwand direkt auf Binär-Ebene. AppShield kombiniert dynamische Laufzeitanalyse, KI-gestützte Bedrohungserkennung und Echtzeit-Schutz vor Manipulation, Reverse Engineering und Angriffen auf kompromittierten Geräten. Sicherheit wird dadurch schnell, überprüfbar und skalierbar umgesetzt und ermöglicht es Unternehmen, mobile Anwendungen regelkonform und vertrauenswürdig bereitzustellen.
KOBIL versteht diese Produkte nicht als isolierte Lösungen, sondern als Beitrag zu einem europäischen digitalen Ökosystem, in dem Sicherheit, Vertrauen und Skalierbarkeit zusammen gedacht werden. Digitale Souveränität entsteht dort, wo technologische Kontrolle mit marktfähigen Plattformen verbunden wird.
Fazit
Europa wird digital souverän durch wettbewerbsfähige digitale Sicherheitsprodukte, die reale Kontrolle ermöglichen, „made in Europe“. Digitale Souveränität entsteht dort, wo Sicherheit, Vertrauen, Identität und Datenhoheit technologisch beherrscht werden und gleichzeitig globale Skalierung möglich ist.
Der zentrale Fehler vieler staatlicher Ansätze liegt darin, digitale Souveränität als administratives Projekt zu behandeln. Unternehmen investieren jedoch nur dann langfristig, wenn Souveränität ein ökonomischer Vorteil wird. Europa braucht weniger Regelwerke und mehr marktfähige Lösungen. Weniger Verwaltung und mehr unternehmerische Umsetzung.
Digitale Souveränität entscheidet über wirtschaftliche Macht, technologische Unabhängigkeit und gesellschaftliche Stabilität. Sie entsteht nicht durch Reden, sondern durch Produkte.
Key Facts aus Industrieperspektive
Die folgenden Punkte fassen die zentralen industriepolitischen Erkenntnisse dieses Beitrags zusammen.


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